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Niesig, St. Ottilia In unmittelbarer Nachbarschaft zu Horas und mit ihm kirchlich verbunden liegt die einstige Dorfgemeinde, der heutige Stadtteil Niesig. Sein Ursprung wird schon im 9. Jahrhundert vermutet. Der Ortsname wird von „niuwi gifazi“ abgeleitet, was etwa „neue Siedlung“ bedeutet (Haas, FGB 1909 VIII). Eine erstmalige Erwähnung geschieht, ebenso wie bei Hoars, im Codex des Mönches Eberhard in der Mitte des 12. Jahrhunderts (Dronke: Traditiones. c. 23), wo von einem der Propstei zugehörigen Besitztum in „nuseze“ (Neusassen = Neusitz, neue Siedlung) die Rede ist. 1250 erwähnt Propst Gerlach eine zu ihm gehörige Hube in Nuseze. 14.08 wird das Stiftsgut in Niesig der Tafel des Abtes zugeteilt. Die Einwohnerschaft bestand 1510 aus zehn Viehhaltern, 1789 aus elf Nachbarn und vier Beisassen (FGB 1904 III 190). Kirchlich gehörte Niesig ebenso wie Horas nach 1594 zur Pfarrei Frauenberg, kam später an die Stadtpfarrei und 1888 an die neugegründete Pfarrei Horas. 1727 wurde die mittelalterliche Kapelle auf den Namen der hl. Ottilia geweiht. Die Verehrung dieser Heiligen reicht gewiss weiter zurück, denn Fürstabt Konstantin von Buttlar (1714 – 1726) plädiert bereits für die ‘Beibehaltung des Festes der hl. Ottilia und verweist auf ihre Verehrung in der Ortschaft „Niesich“. Sonderbarerweise sind die Reliquien der Heiligen erst 1909 vom St. Odilienkloster im Elsaß hierher gelangt. Warum das Odilien (= Ottilien)-Fest im genannten Kalendarium wie auch im späteren Heiligenkalender am 13. Dezember genannt, in Niesig aber schon im Spätsommer begangen wird, hängt wohl mit der zeitweiligen Zugehörigkeit zur Pfarrei Kämmerzell zusammen (bezeugt für das Jahr 1510). Man schloss an die dort begangene Rochus-Oktav aus praktischen Gründen die örtliche Ottilien-Oktav an, um der ungünstigen Winterszeit zuvorzukommen. So spielte sich im näheren Fuldaer Land eine Wallfahrts-Dreiheit ein: Rochus (16. Aug.), Ottilie (letzte Augustwoche) und Wendelinus (20. Okt.). Möglicherweise gab auch die Sommerzeit den Ausschlag, in der Augenverletzungen besonders häufig auftreten, denn die hl. Odilia soll nach der Legende blind geboren, vom ihrem Vater aus dem Hause verbannt und bei ihrer Taufe sehend geworden sein. Sie starb als Äbtissin des Frauenklosters Hohenburg im Elsaß um das Jahr 720 und wurde bald als Schutzpatronin des Landes und fürbittende Helferin bei Augenleiden und Blindheit verehrt. Die Kapelle wurde 1891 zum ersten Mal erweitert und mit einem Dachreiter versehen. Ein neugotischer Altar wurde aufgestellt und ein spätgotisches Sakramentshäuschen, das aus der alten Horaser Kapelle stammen soll, im Chorraum angebracht. Es diente zur Aufbewahrung des Reliquiars; später in die rechte Chorbogenwand vermauert, erfüllt es wieder seine Bestimmung als Tabernakel. Der Ambo besteht aus einer alten Sandsteinplatte mit rundbogiger Stabverzierung. Die Kirche birgt zwei wertvolle spätgotische Holzplastiken: St. Ottilia als Äbtissin mit Buch und Augenpaar sowie St. Cyriakus als Diakon mit Buch und krankem Mädchen. Eine holzgeschnitzte Madonna stammt aus dem Jahre 1908,desgliechen eine Herz-Jesu (Christkönigs)-Figur von Josef Fleck, Fulda. Ein kleiner holzgeschnitzter Kreuzweg von Josef Walburg, Wüstensachsen, vervollständigt die Ausstattung. Im Dachreiter hängen zwei alte Glocken; sie zeigen folgende Inschrift: GOSSE MICH JAOHANN GEORT & JOHANNES SCHNEIDEWIND IN FRANKFURT 1784. Beide Glocken waren im Krieg beschlagnahmt, blieben aber erhalten und kehrten nach dem Krieg wieder zurück. Als die Einwohnerzahl durch Zuwanderung von Heimatvertriebenen rasch anstieg, wurde 1948 unter Pfarrer Hermann von Keitz die Kirche nach Westen und um einen südlichen Portalanbau nochmals vergrößert. Durch Spenden von Steinen und Holz sowie durch freiwillige Arbeitsleistungen konnten die Baukosten auf ein erträgliches Maß gesenkt werden. Die Westfront ist jetzt mit je drei rechteckigen und rundbogigen Fenstern und einem Turmuhrzifferblatt versehen. Ein Dachreiter wurde neu eingesetzt. Kirchenmaler Hermann Wirth, Niesig, schmückte die Altarwand mit einem Fresko: Christus als Weltenrichter und die hl. Ottilia mit fünf klugen Jungfrauen. Neben anderen Ausstattungsstücken erhielt die Kirche unter Pfarrer Otterbein die neue Orgel (Einweihung am 20. Okt. 1960), geliefert von der Firma Gebr. Späth. Ennetach-Mengen. Außerdem wurde die Sakristei möbliert, Glockenmotoren installiert, 1978 die Trockenlegung und eine Innenrenovierung durchgeführt sowie eine Fußbodenheizung eingebaut. Im Zuge der Sakristeierweiterung im Jahr 2005 wurde ein Versammlungsraum angebaut. Die Kirche erhielt endlich auch einen Wasseranschluss. Dank der umsichtigen Vorsorge von Pfarrer und Kirchenvorstand und der Opferbereitschaft der Gemeinde stellt die Ottilienkapelle sich heute als schmucke Filialkirche dar, in der regelmäßig Gottesdienst stattfindet und die darüber hinaus, besonders während der Ottilien- Wallfahrtswoche (Ende August), auch viele auswärtige Andächtige anzieht.